Der Railjet – ein kritischer Blick auf das Flugzeug auf Schienen
Auf den ersten Blick schaut er schon hipp aus der Railjet, wenn er durch die Landschaft braust. Man ist gespannt auf die erste Fahrt, dabei erfolgt die Ernüchterung, und auch nach vielen weiteren Kilometern nicht richtig davon überzeugt, worin der große Fortschritt besteht. Eine kritische 10.000-km-Bilanz, die angesichts der Tatsachen nicht ganz unpolemisch ausfallen kann.
Vor allem die Parallelen zum Flugzeug, dem Namensgeber des neuen Hochgeschwindigkeitszugs der ÖBB, stechen einem sofort ins Auge: Eher eng geschlichtet in der 2. Klasse (jetzt „Economy“), die Sitze leicht unbequemer als in den alten Garnituren, wenig Platz für das Gepäck, im ganzen Zug kein einziges Abteil. Nicht einmal die Premium-Klasse, die für wohlfeile 25 € Aufpreis zum 1.-Klasse-Ticket benutzt werden kann, besitzt ein solches. Doch dort sitzt man ohnehin allein mit den vielen Monitoren, an denen im ganzen Zug nicht gespart wurde – vielleicht hätten es auch ein paar weniger (wie beim ICE) getan. Dass er über den Arlberg mit 70 km/h rast, muss man sich wirklich nicht permanent vor Augen führen.
Die Ausrichtung der Sitze geht auch in der 1. Klasse größtenteils in eine Richtung, auf den Klapptisch(ch)en passt ein A4-Blatt quer drauf – früher ging A3. Es wäre für „ruhebedürftige“ oder arbeitende Reisenden erfreulich, würde man die Ruhebereiche (11 Sitze in der 1. Klasse, 1 Waggon in der 2. Klasse) so klar kennzeichnen, dass sich Fahrgäste, die dieser Ruhepegel nervös machen würde, dort gar nicht hinsetzen. Die 8 cm x 23 cm großen Schilder sind dazu – wie bei den ÖBB-EC – zu klein und damit weitgehend wirkungslos. Man kann es der lustigen Reisegruppe nebenan, die einem von der wichtigen Arbeit abhält, nicht für übel nehmen, dass sie sich in den Ruhebereich verlaufen hat. Nervtötenden Handy-Dauertelefonierern vergeht der Spaß beim nächsten Tunnel ohnehin sehr schnell. Dass Großraumbüros Angestellte weniger produktiv sein lassen, hat man in der Wirtschaft inzwischen erkannt und schafft sie schrittweise wieder ab. Bei den Bahngesellschaften – nicht nur beim Railjet – hält der Trend weg vom Abteil weiterhin an. Die neuen schallschluckenden Decken im Railjet sind ein schwacher Ersatz für die Ruhe in einem Businessabteil, das man als 1.-Kl.-Österreichcard-Besitzer in den ÖBB-EC benutzen konnte. Das weitgehende Grau-in-Grau des Innenraums entspricht einem Trend, wobei das nicht von Moden beeinflusste Auge vergeblich nach etwas mehr Farbe Ausschau hält.
Man wird auch bei der genaueren Betrachtung den Eindruck nicht los, dass sich hier vor allem die Umsteiger vom Flugzeug – wie viele sind es? – daheim fühlen sollen. Deswegen sind die Fenster kleiner als in den früheren Garnituren ausgefallen. Niederflureinstieg gibt es auch keinen. Das hatte selbstverständlich zur Folge, dass der Railjet keine Fahrräder mitnimmt, es sollten schließlich nicht durch das langwierige Verladen über eine Rampe Verzögerungen auftreten. Verständlich, aber hätte nicht auch ein Rollstuhlfahrer mehr Freude mit zumindest einem Waggon mit Niederflureinstieg als mit der bestehenden „fahrzeuggebundenen Einstiegshilfe“? Selbst französische TGVs nehmen Räder mit, warum nicht auch der mit maximal 240 km/h vergleichsweise langsame Railjet? Auch der Talent-Triebwagen zeigt, wie es problemlos geht mit einem Niederflur-Mehrzweckbereich. Wie kommt ein Radtourist heute von Wien nach Zürich? Vermutlich mit einem richtigen Jet von Schwechat aus. Dieser ist nämlich auch wirklich schneller. Ein Railjet ist auf den großteils nicht ausgebauten Strecken natürlich gleich langsam wie die alten Züge und auch nicht pünktlicher.
Flugzeuge landen – systembedingt – möglichst selten. Ist auch das imitiert worden? Steht der Fahrzeitgewinn in Relation zum möglichen Fahrgastverlust? Es ist gut, wenn nicht Horden von Schülern die Strecke Innsbruck – Kufstein bevölkern, doch wie kommt ein Fahrgast von Kufstein nach Salzburg? Zuerst nach Wörgl oder gar Innsbruck retour / über Rosenheim mit der DB? Keine ernstzunehmenden Alternativen.
Ein Liebhaber von Speisewägen sollte man auch nicht sein. Das Bordbistro ist jedenfalls keiner. Wohl gibt es ein akzeptables Angebot an Speisen und Getränken, konsumieren sollte man diese aber an den oben genannten Tischchen, wenn man nicht eines der wenigen stabilen Tische in den Vierergruppen habhaft geworden ist. Die Sitzgelegenheiten im Bordbistro sind hingegen eher spartanisch. Mit der Gemütlichkeit alter Speisewägen ist es endgültig vorbei. Speisekarten liegen in den Waggons auf. In der 1. Klasse ist diese leider auch schon auf den Teppichböden abzulesen.
Nach soviel Kritik – Was ist am Railjet nun wirklich toll? Nun, er ist neu. Investitionen in rollendes Material sind immer zu begrüßen, sofern nicht woanders im Gegenzug gespart wird. Man hat sich offenbar bemüht, neue Kundenschichten anzusprechen. Übergänge zwischen den Waggons bewältigt man wie im ICE ohne Türen mühelos. Ein Railjet kann in einem Kopfbahnhof ohne Lokwechsel die Fahrtrichtung umkehren. (Das hat leider aber auch zur Folge, dass er nicht einfach durch Anhängen weiterer Waggons verlängert werden kann und offenbar deswegen Gruppenreservierungen nicht entgegengenommen werden). Außerdem sind die Monitoranzeigen mit genauer Position des Zuges auf einer Karte, Verspätungsmeldungen etc. vor allem für Ortsunkundige sehr informativ.
Es bleibt die Hoffnung, dass der nächste Umbau der Wagen in vielleicht 15 Jahren das Verbesserungspotential, das dieser Zug wahrhaft hat, nutzen wird. Vorerst werden aber die lieb gewonnenen ÖBB-EC durch insgesamt 67 Railjets ersetzt. Letztlich bleibt vorerst der Eindruck, dass bei der Konstruktion des Railjets die bisherigen Fahrgäste der ÖBB nicht ernsthaft eingebunden wurden. – Vielleicht hätte sich ein solcher ein Abteil mit zusammenschiebbaren Sitzen gewünscht, um ein kleines Schläfchen zu machen. – Schade, denn gekostet hätte er deswegen nicht mehr. Als gewohnt geduldiger Bahnfahrer wird man sich auch an den Railjet gewöhnen, ihn vielleicht auch einmal lieb gewinnen. Liebe auf den ersten Blick war es jedenfalls nicht. Der Railjet scheint ein Produkt einer Denk- und Planungsweise in den oberen Etagen der ÖBB zu sein, die die Verhältnisse auf den Schienen weniger kennt als die in der Luft. Ja, diese Leute fliegen auf den Strecken ihres Railjets – mit einem richtigen Fliegzeug.
veröffentlicht im Drahtesel 5/2010